Spurensuche: 38,3 °C nach einem Spaziergang

Labormedizin

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Autor: lothar ursinus

Wie erst die Kombination aus Temperaturmessung und Laborwerten zur eigentlichen Ursache führte

Ein Patient kam mit einer ungewöhnlichen Beobachtung zu mir. Bereits nach leichter körperlicher Anstrengung fühlte er sich erschöpft und schlapp. Gleichzeitig entstand bei ihm der Eindruck, Fieber oder zumindest eine erhöhte Körpertemperatur zu entwickeln. Als er nachzumessen begann, bestätigten sich tatsächlich erhöhte Werte. Eine überzeugende Erklärung hatte er trotz verschiedener ärztlicher Untersuchungen bislang nicht erhalten.

Da ich den Patienten bereits aus einer früheren Behandlung kannte, vereinbarten wir einen Termin. Zunächst wollten wir das Phänomen möglichst einfach sichtbar machen. Im Mittelpunkt stand die Frage: Was geschieht mit seiner Temperatur, wenn der Körper belastet wird?

Dazu führte der Patient über mehrere Tage zwei zeitgleiche Messungen durch. Zum einen wurde die Mundtemperatur nach der Mundtemperatur-Methode in Anlehnung an Barnes und Rind erfasst. Zum anderen wurde rektal gemessen, um einen Wert zu erhalten, der näher an der Körperkerntemperatur liegt. Die Mundtemperatur zeigt vor allem die hormonell-vegetative Regulation, während die rektale Messung die Körpertemperatur erfasst. Normalerweise liegt die rektale Temperatur etwa 0,3 bis 0,6 °C über der oralen Temperatur. Als Faustregel gelten ungefähr 0,5 °C Unterschied.

Das Ergebnis war erstaunlich.

Rektaler Temperaturverlauf über die vier Messtage

Die rektale Temperatur lag morgens sehr konstant zwischen 36,7 und 36,8 °C und damit innerhalb des üblichen rektalen Ruhebereis von etwa 36,8 bis 37,8 °C. Im Laufe des Vormittags stieg sie regelmäßig auf 37,4 bis 37,5 °C. Am vierten Messtag war der Patient etwa eine halbe Stunde vor der Messung lediglich eine Runde im Park gelaufen. Anschließend zeigte das Thermometer rektal 38,3 °C und lag damit oberhalb des üblichen Ruhebereis. Am Nachmittag war die Temperatur bereits wieder auf 37,3 °C und am Abend auf 36,7 °C abgesunken. Da der erhöhte Wert unmittelbar nach körperlicher Aktivität gemessen wurde, ist er nicht ohne weiteres mit Fieber in Ruhe gleichzusetzen.

Oraler Temperaturverlauf über die vier Messtage

Die gleichzeitig durchgeführte Mundtemperaturmessung erzählte eine andere Geschichte. Dort war der starke Temperaturanstieg nicht annähernd zu erkennen. Die Mundtemperatur bewegte sich überwiegend unterhalb, beziehungsweise am unteren Rand des funktionellen Orientierungsbereichs von 36,5 bis 37,1 °C und zeigt damit ein insgesamt eher niedriges Temperaturniveau.

Damit zeigte sich eine zunächst paradoxe Situation: Im Körperkern entwickelte sich nach geringer Belastung erhebliche Wärme, während die Mundtemperatur davon kaum etwas erkennen ließ.

Was war hier los? War die Schilddrüse zu schwach? Reagierte die Nebenniere ungewöhnlich? Handelte es sich um einen entzündlichen Prozess? Oder konnte der Körper zwar Energie und Wärme mobilisieren, war aber nicht mehr in der Lage, diese Energie ausgewogen zu regulieren?

Was die unterschiedlichen Messorte zeigen

Mund- und Rektaltemperatur erfassen nicht dieselben Regulationsvorgänge. Die rektale Temperatur liegt näher an der Körperkerntemperatur. Die Mundtemperatur wird zusätzlich durch Atmung, Schleimhautdurchblutung, Flüssigkeitsaufnahme, Umgebungseinflüsse und vegetative Regulation geprägt. Gerade bei körperlicher Belastung kann die orale Messung Veränderungen der Kerntemperatur deutlich unterschätzen.

Die Abweichung zwischen beiden Messorten ist daher grundsätzlich erklärbar. Auffällig bleibt jedoch, wie deutlich die rektale Temperatur bereits auf eine leichte Belastung reagierte und dass diese Reaktion mit Erschöpfung und einem subjektiven Fiebergefühl verbunden war.

Die Messung zeigt zunächst, dass der Körper grundsätzlich in der Lage ist, Wärme zu erzeugen. Es besteht also kein einfacher Mangel an Wärmebildung. Vielmehr stellt sich die Frage, wie Energie mobilisiert, in den Zellen genutzt, im Körper verteilt und anschließend wieder reguliert beziehungsweise abgeführt wird.

Diese Fragestellung ist für die Mundtemperatur-Methode von besonderer Bedeutung. Würde man ausschließlich die niedrigen oralen Werte betrachten, könnte schnell der Eindruck einer verminderten Stoffwechselaktivität entstehen. Die parallele rektale Messung erweitert dieses Bild jedoch entscheidend: Der Körper kann sich im Kern stark aktivieren, während die Mundtemperatur auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau bleibt.

Die Ausgangslage

Der Patient ist 69 Jahre alt, 176 cm groß und wiegt 87 kg. Er nimmt Atorvastatin 40 mg, Aciclovir 400 mg, Tebonin 120 mg sowie täglich 2.000 I.E. Vitamin D ein. In seiner Anamnese fällt besonders auf, dass nach stärkeren Stressbelastungen häufig Herpesreaktivierungen auftreten. Leichte Kopf- und Körperschmerzen werden ebenfalls angegeben.

In den bereits vorhandenen ärztlichen Befunden waren zunächst nur wenige Werte auffällig. Das Gesamtcholesterin lag bei 133 mg/dl, HDL-Cholesterin bei 42 mg/dl und LDL-Cholesterin bei 75 mg/dl. Die aus Cystatin C ermittelte glomeruläre Filtrationsrate betrug 55 ml/min. Der HbA1c lag bei 6,0 Prozent.

Diese Werte erklärten nicht unmittelbar, warum die Körperkerntemperatur nach einem Spaziergang auf 38,3 °C anstieg. Sie gehören dennoch zur Gesamtsituation. Der HbA1c zeigt eine beeinträchtigte Glukoseregulation. Die eingeschränkte Nierenfiltration sollte im Verlauf beachtet werden. Das sehr niedrige Gesamtcholesterin ist außerdem im Zusammenhang mit der hoch dosierten Statintherapie und dem später bestimmten Coenzym Q10 interessant.

Deshalb wurde die Labordiagnostik gezielt erweitert.

Auszug aus dem ergänzenden Laborbefund

Dabei zeigten sich mehrere Befunde, die das Temperaturphänomen in einen größeren Zusammenhang stellten: ein deutlich erhöhtes Reverse T3, ein erniedrigtes Coenzym Q10, ein im unteren Referenzbereich liegendes DHEA-S sowie ein erhöhter Zonulinwert. Das hochsensitive CRP war dagegen unauffällig.

Schilddrüse und Reverse T3

Die klassischen Schilddrüsenwerte wirkten zunächst relativ unauffällig. TSH lag bei 2,22 µIU/ml, freies T3 bei 3,3 pg/ml und freies T4 bei 1,21 ng/dl. Deutlich auffällig war jedoch das Reverse T3 mit 0,380 ng/ml bei einer Laborobergrenze von 0,271 ng/ml.

Dieser Wert ist für die funktionelle Interpretation von besonderem Interesse. Vereinfacht kann man sich T3 als das Gaspedal des Schilddrüsenstoffwechsels vorstellen. Reverse T3 entsteht ebenfalls aus T4, besitzt jedoch keine entsprechende stoffwechselaktivierende Wirkung. Unter Krankheit, Energiemangel, starkem Stress oder anderen Belastungen kann sich die Umwandlung von T4 so verschieben, dass weniger aktives T3 zur Verfügung steht und vermehrt Reverse T3 gebildet wird.

Im vorliegenden Fall spricht deshalb einiges dafür, dass die Schilddrüse nicht einfach zu wenig Hormon produziert. Vielmehr könnte der Körper einen Teil der verfügbaren Stoffwechselenergie zurückhalten. Das erhöhte Reverse T3 lässt sich in diesem Zusammenhang als eine metabolische Bremse verstehen.

Diese Bremse muss nicht der eigentliche Fehler sein. Sie kann zunächst eine sinnvolle Anpassungs- und Schutzreaktion darstellen. Wenn Energiegewinnung, Energieverbrauch und Regeneration nicht mehr miteinander Schritt halten, kann der Organismus beginnen, die vorhandenen Reserven vorsichtiger einzusetzen.

Der rT3-Wert sollte dabei nicht isoliert betrachtet werden. Er zeigt nicht allein, wodurch diese Stoffwechsellage entstanden ist. Zusammen mit Temperaturverlauf, Anamnese und weiteren Laborwerten liefert er jedoch einen wichtigen Baustein für das Gesamtbild.

Cortisol, DHEA-S und Regeneration

Cortisol lag mit 8,67 µg/dl zum Messzeitpunkt um 11:20 Uhr im normalen Laborbereich. Ein einzelner Cortisolwert ist jedoch nur eine Momentaufnahme. Er zeigt weder den morgendlichen Anstieg noch die Reaktion auf Belastungen oder die Fähigkeit des Organismus, am Abend wieder herunterzufahren. 

Die Mundtemperaturkurve ergänzt diese Momentaufnahme: Der deutliche Anstieg bis 11 Uhr spricht nach Rind für eine kräftige morgendliche Aktivierung, während der anschließende Abfall bis 16 Uhr und zur Schlafenszeit darauf hinweist, dass dieses Aktivierungsniveau im Tagesverlauf nicht stabil gehalten werden kann.

Cortisol und andere Glukokortikoide können die Verarbeitung der Schilddrüsenhormone beeinflussen und unter entsprechenden Belastungsbedingungen eine Verschiebung in Richtung Reverse T3 begünstigen. Um diese Ebene genauer einzuschätzen, wäre ein Cortisol-Tagesprofil im Speichel aussagekräftiger als der Einzelwert.

Zusätzlich fiel DHEA-S mit 90 µg/dl auf. Der Wert lag noch innerhalb des angegebenen Referenzbereichs, befand sich jedoch in dessen unterem Abschnitt. DHEA-S wird in der ganzheitlichen Labordiagnostik stärker mit der regenerativen und aufbauenden Seite der Stressregulation verbunden.

Damit entsteht ein interessantes Verhältnis: Der Organismus scheint sich kräftig aktivieren zu können, wie die rektale Temperaturreaktion zeigt. Die regenerative Seite könnte dagegen weniger stark ausgeprägt sein. Dazu passt die Beobachtung, dass gerade nach Stressbelastungen wiederholt Herpes auftritt. Belastungen können offenbar zunächst bewältigt werden, hinterlassen anschließend jedoch deutliche Spuren.

Coenzym Q10 und mitochondriale Energie

Coenzym Q10 lag mit 352 µg/l unterhalb des Laborreferenzbereichs von 400 bis 1.200 µg/l. Dabei muss die Einnahme von Atorvastatin 40 mg berücksichtigt werden. Für Statine ist gut belegt, dass sie die zirkulierenden Coenzym-Q10-Spiegel senken können. Cholesterin und Coenzym Q10 werden teilweise über denselben Mevalonat-Stoffwechselweg gebildet.

Coenzym Q10 ist ein zentraler Bestandteil der mitochondrialen Atmungskette. Dort wird aus den aufgenommenen Nährstoffen ATP erzeugt, also die unmittelbar nutzbare Energie der Zellen.

Der erniedrigte Wert ist deshalb für die vorliegende Fragestellung interessant. Der Körper kann unter Belastung erhebliche Wärme mobilisieren. Entscheidend ist jedoch, wie effizient die bereitgestellte Energie in nutzbare Zellenergie und körperliche Leistung umgesetzt wird.

Der Q10-Wert allein beweist noch keine mitochondriale Funktionsstörung. Im Zusammenhang mit Statintherapie, schneller Erschöpfung und ungewöhnlicher Temperaturreaktion liefert er jedoch einen konkreten Ansatzpunkt. Er könnte dazu beitragen, dass Energie unter Belastung weniger effizient zur Verfügung steht und der Organismus seine Reserven stärker schützen muss.

Entzündungsaktivität und Darmbarriere

Das hochsensitive CRP lag mit 0,48 mg/l im grünen Bereich. Zum Zeitpunkt der Blutentnahme bestand somit kein Hinweis auf eine relevante systemische Entzündungsaktivität. Der rektale Temperaturanstieg sollte daher nicht vorschnell als Ausdruck eines akuten Infekts oder einer ausgeprägten systemischen Entzündung verstanden werden.

Anders stellte sich die Situation beim Zonulin dar. Der Wert betrug 47,3 ng/ml bei einer Laborobergrenze von 38 ng/ml. In der ganzheitlichen Labordiagnostik wird ein erhöhter Zonulinwert als Hinweis auf eine beeinträchtigte Barrierefunktion des Darms betrachtet.

Die Darmschleimhaut reguliert, welche Stoffe aus dem Darminhalt in den Organismus gelangen dürfen. Ist diese Schrankenfunktion beeinträchtigt, kann das Immunsystem vermehrt mit Nahrungsbestandteilen, mikrobiellen Produkten und anderen Reizen konfrontiert werden. Dadurch kann eine anhaltende immunologische Belastung entstehen, ohne dass sich dies zwangsläufig in einem erhöhten CRP widerspiegelt.

Der Zonulinwert ist methodisch und im Zusammenhang mit der klinischen Symptomatik zu bewerten. Er beweist für sich allein keine entzündliche Darmerkrankung. Im vorliegenden Gesamtbild ist er dennoch ein Hinweis darauf, die Darmbarriere und das Darmmilieu therapeutisch nicht außer Acht zu lassen.

Warum benötigt der Körper eine metabolische Bremse?

Die entscheidende Frage lautet nicht nur, warum Reverse T3 erhöht ist. Wichtiger ist, weshalb der Körper einen Anlass sehen könnte, seinen Energieverbrauch zu begrenzen. Wenn der Organismus über längere Zeit mehr Energie für Stressbewältigung, körperliche Anforderungen, Immunregulation oder andere Anpassungsleistungen bereitstellen musste, als durch Ruhe, Ernährung und Regeneration wieder aufgebaut werden konnte, entsteht ein Missverhältnis zwischen Aktivierung und Erholung.

Der Körper reagiert darauf nicht zwangsläufig mit einem vollständigen Energiemangel. Er kann weiterhin beträchtliche Energie mobilisieren, beginnt aber gleichzeitig, diese Energie vorsichtiger einzusetzen.

Genau dafür finden sich im vorliegenden Fall mehrere Hinweise. Die morgens niedrige Mundtemperatur spricht funktionell dafür, dass dem Organismus beim Einstieg in den Tag zunächst zu wenig stabile Grundenergie zur Verfügung steht. Die rektale Temperatur dokumentiert dagegen eine starke Aktivierungsfähigkeit unter Belastung. Der Körper kann also Energie mobilisieren, startet jedoch von einem niedrigen oralen Temperaturniveau und kann die aufgebaute Aktivität im weiteren Tagesverlauf nicht stabil halten. Das erhöhte Reverse T3 spricht funktionell für eine Drosselung des Schilddrüsenstoffwechsels. Das niedrig liegende DHEA-S passt zu einer möglicherweise begrenzteren regenerativen Seite. Der erniedrigte Q10-Wert kann die mitochondriale Energiebereitstellung beeinträchtigen. Der erhöhte Zonulinwert weist zusätzlich auf eine mögliche Belastung aus dem Bereich der Darmbarriere hin.

Möglicherweise hat der Organismus über längere Zeit viel Energie für Aktivierung und Anpassung bereitgestellt, während Regeneration und Wiederaufbau damit nicht ausreichend Schritt halten konnten. Das besagen auch die wiederkehrenden Herpesreaktivierungen nach Stress zeigen zumindest, dass stärkere Belastungsphasen körperlich relevante Folgen haben.

Um herauszufinden, weshalb der Körper die metabolische Bremse benötigt, sollte daher weniger nach einem einzigen gestörten Organ gesucht werden. Entscheidend ist die Frage, wo dauerhaft mehr Energie verbraucht als regeneriert wird. Dabei sind insbesondere folgende Bereiche zu betrachten: Cortisol-Tagesrhythmik, Schlafqualität, Erholungsfähigkeit, körperliche Belastbarkeit, mitochondriale Energiegewinnung, Glukosestoffwechsel, Darmbarriere und wiederkehrende Immunaktivierungen.

Die metabolische Bremse wäre aus dieser Sicht nicht das eigentliche Problem. Sie wäre die Antwort des Organismus auf eine Situation, in der ungebremste Aktivität mehr Energie verbrauchen könnte, als zuverlässig zur Verfügung steht.

Seelisch-geistige Betrachtung

Auch seelisch-geistig lässt sich dieses Muster als Ausdruck einer besonderen Lebensdynamik betrachten. Es handelt sich dabei nicht um eine psychologische Diagnose, sondern um eine symbolische Annäherung an die körperliche Regulationsweise.

Der Patient scheint grundsätzlich über eine ausgeprägte Fähigkeit zu verfügen, sich zu aktivieren, Anforderungen zu erfüllen und auch dann weiter Energie bereitzustellen, wenn die Ausgangsreserve bereits begrenzt ist. Die niedrige Mundtemperatur am Morgen steht sinnbildlich für einen Start mit wenig verfügbarer Grundenergie. Dennoch reagiert der Körper auf Anforderungen sofort und kraftvoll – möglicherweise ähnlich wie ein Mensch, der auch bei innerer Erschöpfung zunächst weiter funktioniert.

Die deutliche Wärmeentwicklung im Körperkern bei gleichzeitig zurückhaltender Mundtemperatur kann symbolisch auf viel innere Aktivität hinweisen, die nach außen nur begrenzt sichtbar wird. Belastungen werden womöglich lange getragen, ohne dass ihre Wirkung unmittelbar erkennbar ist. Erst im Nachhinein zeigen Erschöpfung und wiederkehrende Herpesreaktionen, welchen Preis die vorausgegangene Anpassungsleistung hatte.

Das erhöhte Reverse T3 lässt sich in diesem Bild als eine Grenze verstehen, die der Körper setzt, wenn eigene Belastungsgrenzen zu spät wahrgenommen oder Erholungsphasen zu häufig aufgeschoben werden. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: „Wie bekomme ich mehr Energie?“, sondern: „Warum glaube ich, auch mit begrenzten Reserven weiter funktionieren zu müssen – und was brauche ich, um Regeneration rechtzeitig zuzulassen?“

Die metabolische Bremse wäre dann nicht der Gegner, sondern ein Schutzsignal. Sie verliert ihren Sinn erst, wenn Belastung früher wahrgenommen, Verantwortung angemessen begrenzt und Erholung nicht erst nach dem Zusammenbruch erlaubt wird.

Was bedeutet das für die Behandlung?

Der wichtigste therapeutische Gedanke besteht deshalb nicht darin, den Stoffwechsel einfach weiter anzutreiben.

Gerade bei deutlich erhöhtem Reverse T3 erscheint es nicht sinnvoll, allein aufgrund der niedrigen Mundtemperatur die Schilddrüse stärker zu stimulieren. Zunächst sollte geklärt und behandelt werden, weshalb der Organismus überhaupt auf die Bremse tritt.

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die mitochondriale Energiegewinnung. Hier steht insbesondere der erniedrigte Coenzym-Q10-Wert im Zusammenhang mit der Statintherapie im Vordergrund. Änderungen einer ärztlich verordneten Medikation sollte der Patient mit dem behandelnden Arzt abstimmen. Begleitend erhielt der Patient eine gezielte Ergänzung mit Coenzym Q10 in Form von Kaneka-Ubiquinol.

Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Stress- und Regenerationsachse. Ein Cortisol-Tagesprofil im Speichel könnte zeigen, wie Cortisol über den Tag verläuft, ob Belastungsspitzen oder eine ungünstige Tagesrhythmik bestehen und ob das System am Abend ausreichend herunterreguliert. In der Praxis kann die Stressregulation durch gezielte Mikronährstoff- und Pflanzenstoffkonzepte unterstützt werden. Im vorliegenden Behandlungskonzept wurde hierfür Stress Balance von NewLife Nutrition eingesetzt. Die enthaltenen Mikronährstoffe haben Einfluss auf das Nervensystem und die Anpassungsfähigkeit in Belastungssituationen. Da Stress, Nervensystem und Verdauungsfunktion über die Darm-Hirn-Achse eng miteinander verbunden sind, kann eine verbesserte Stressregulation zugleich indirekt zur Beruhigung stressbedingter Darmreaktionen beitragen.

Der dritte Schwerpunkt betrifft die Darmbarriere. Der erhöhte Zonulinwert sollte im Gesamtbild ernst genommen werden, weil eine beeinträchtigte Barrierefunktion Stoffwechsel, Immunsystem und Regeneration dauerhaft beanspruchen kann.

Ein zentraler Behandlungspunkt ist deshalb eine Ernährung entsprechend der individuellen genetischen und epigenetischen Stoffwechselprägung, wie sie im Ernährungsprogramm von gesund + aktiv vorgesehen ist. Ergänzend wurden Colo Active zur Unterstützung des Darmmilieus und Bitter Active zur Förderung der Verdauungsfunktion eingesetzt.

Diese Maßnahmen stellen das individuelle Vorgehen in diesem Fall dar und sind nicht ohne Weiteres auf andere Patienten übertragbar. Entscheidend ist die therapeutische Zielrichtung: Die mitochondriale Energiegewinnung soll unterstützt, die Stress- und Regenerationsachse stabilisiert und die Belastung der Darmbarriere reduziert werden.

Die Behandlung richtet sich damit nicht in erster Linie gegen das erhöhte Reverse T3. Sie richtet sich gegen die Bedingungen, die den Organismus möglicherweise veranlassen, vermehrt Reverse T3 zu bilden.

Erkenntnis

Bereits die Mundtemperaturmessung macht die Regulationsdynamik sichtbar. Auf die niedrige morgendliche Einstiegstemperatur folgt bis 11 Uhr ein deutlicher Anstieg; anschließend fällt die Temperatur am Nachmittag und bis zur Schlafenszeit wieder ab. Der Organismus kann also Energie mobilisieren, ist jedoch offenbar nicht in der Lage, das erreichte Temperaturniveau über den Tag stabil zu halten. Die Mundtemperaturmessung zeigt damit bereits eine kräftige morgendliche Aktivierung bei gleichzeitig instabiler weiterer Regulation.

Die rektale Messung bildet dieselbe Dynamik auf dem höheren Niveau der Körperkerntemperatur ab. Auch hier steigt die Temperatur von den morgendlichen Werten bis 11 Uhr deutlich an und fällt im weiteren Tagesverlauf wieder ab. Sie bestätigt damit, dass dem Organismus grundsätzlich Energiereserven zur Verfügung stehen und er bei Bedarf beträchtliche Energie mobilisieren kann.

Erst durch die parallele Betrachtung beider Messungen wird jedoch das Ausmaß dieser Reaktion erkennbar. Während die Mundtemperatur die Regulationsrichtung zeigt, macht die rektale Messung die überschießende Mobilisation sichtbar: Bereits nach leichter körperlicher Belastung steigt die Körperkerntemperatur auf 38,3 °C an. Der Körper verfügt somit nicht nur über mobilisierbare Reserven, sondern setzt diese unter Anforderung offenbar unverhältnismäßig stark und wenig abgestuft frei. Anschließend fällt die Temperatur wieder ab, sodass weniger ein Mangel an Aktivierungsfähigkeit als eine instabile Steuerung zwischen Aktivierung, Aufrechterhaltung und Erholung im Vordergrund steht.

Die ergänzenden Laborwerte fügen sich in dieses Regulationsmuster ein. Das erhöhte Reverse T3 weist funktionell auf eine metabolische Drosselung im Grundzustand hin. Das erniedrigte Coenzym Q10 kann die mitochondriale Energiegewinnung beeinträchtigen, während das niedrig liegende DHEA-S zu einer möglicherweise eingeschränkten regenerativen Seite passt. Der erhöhte Zonulinwert lenkt den Blick zusätzlich auf die Darmbarriere als möglichen dauerhaften Energieverbraucher. Gleichzeitig spricht das unauffällige hsCRP gegen eine ausgeprägte systemische Entzündungsaktivität zum Zeitpunkt der Untersuchung.

Das Gesamtbild zeigt damit einen Organismus, der am Morgen mit verminderter Einstiegsenergie beginnt, grundsätzlich aber noch über deutliche Energiereserven verfügt. Diese werden im Grundzustand offenbar zurückgehalten, unter Belastung jedoch überschießend mobilisiert und anschließend nicht stabil gehalten. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Energie vorhanden ist, sondern warum der Körper zwischen metabolischer Drosselung und übermäßiger Aktivierung wechseln muss.

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